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Ringvorlesung: Transformation der Liberalen Politik?

Vortrag vom 22.12.2025 von Karsten Klein, ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages, Aschaffenburg

Zusammenfassung erstellt von Meike Schumacher

 

Karsten Klein begann seinen Vortrag nicht mit einer Definition, sondern mit einer Frage an das Publikum: Wer ist der Meinung, dass alle Menschen frei sein sollten? Fast alle Hände gehen nach oben. Wer soll frei entscheiden dürfen, ob er arbeitet oder Steuern zahlt? Schon deutlich weniger. Wer soll die Freiheit haben, fremdes Eigentum an sich zu nehmen? Niemand. Die kurze Befragung macht sichtbar, was den Liberalismus von Beginn an prägt: Freiheit ist ein intuitiv bejahter, aber hochgradig konfliktträchtiger Begriff.

 

Gerade in diesen Spannungen, also dort, wo individuelle Freiheit auf die Freiheit anderer trifft, verortet Klein den Kern liberalen Denkens. Liberalismus ist für ihn keine grenzenlose Freisetzung des Individuums, sondern der Versuch, Freiheit durch verbindliche Regeln, Rechte und Institutionen so zu ordnen, dass sie für möglichst viele Menschen realisierbar bleibt. Freiheit wird damit nicht abgeschafft, sondern erst politisch handhabbar gemacht.

 

Zum Liberalismus gehören für Klein untrennbar Freiheit, Toleranz, Eigentum, Gleichheit vor dem Recht, Menschenwürde und Fortschrittsorientierung. Diese Elemente bilden keine lose Sammlung, sondern eine zusammenhängende Freiheitsordnung. Der verbreitete Versuch, einzelne Aspekte – etwa die wirtschaftliche Freiheit – aus dieser Ordnung herauszulösen, verkenne ihren inneren Zusammenhang und schwäche letztlich die Freiheit insgesamt.

 

Transformation: politischer Wandel und Selbstveränderung

Transformation versteht Klein in zweifacher Hinsicht: Einerseits als politischen Systemwandel, etwa beim Übergang von autoritären zu liberal-demokratischen Ordnungen. Andererseits als Selbsttransformation einer politischen Philosophie, die sich unter veränderten gesellschaftlichen, technologischen und geopolitischen Bedingungen weiterentwickeln muss. Liberalismus erscheint damit nicht als statisches Modell, sondern als lernfähige Ordnung.

 

Historisch verortet Klein den Liberalismus in einer Welt massiver Unfreiheit: ständische Gesellschaften, festgelegte soziale Rollen und politische Willkür bestimmten lange Zeit das Zusammenleben. Provokant, aber konsequent, verweist er auf die europäische Tradition des Christentums, das dem Individuum erstmals einen eigenständigen Wert zuschrieb. Erst in diesem kulturellen Kontext konnten liberale Ideen entstehen – ein Hinweis, der auch Skepsis gegenüber der einfachen Übertragbarkeit liberaler Demokratie auf andere kulturelle Räume begründet.

 

Klassische Grundlagen: Individuum, Markt und Machtbegrenzung

Um zu erklären, wie liberales Ordnungsdenken entstand, greift Klein auf zentrale Figuren der politischen Ideengeschichte zurück. John Locke steht für die Vorstellung unveräußerlicher individueller Rechte, insbesondere von Freiheit und Eigentum. Diese Rechte gelten nicht als staatliche Zugeständnisse, sondern als Schutzgüter, die politische Ordnung erst legitimieren.

 

Montesquieus Idee der Gewaltenteilung ergänzt diesen Freiheitsgedanken um eine institutionelle Konsequenz: Weil Menschen fehlbar sind, darf politische Macht nicht konzentriert werden. Freiheit entsteht hier nicht durch Vertrauen in Herrschaft, sondern durch ihre Begrenzung und gegenseitige Kontrolle.

 

Mit Immanuel Kant rückt die geistige Dimension des Liberalismus in den Mittelpunkt. Freiheit bedeutet auch, sich ein eigenes Urteil zu bilden und Verantwortung dafür zu übernehmen – ein Grundgedanke liberaler Demokratie bis heute.

 

Adam Smith überträgt diese Prinzipien auf das Wirtschaftsleben. Der Markt erscheint bei ihm nicht als moralisches Ideal, sondern als Verfahren zur Koordination von Entscheidungen. Preise ersetzen staatliche Vorgaben und bündeln Informationen über Knappheit und Bedarf. Wirtschaftliche Freiheit wird so Teil gesellschaftlicher Selbstorganisation, nicht ihr Selbstzweck.

 

 

Diese Ideen blieben jedoch nicht theoretisch. Sie entfalteten ihre Wirkung in tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen – von Industrialisierung bis Marktausweitung – und setzten Dynamiken frei, die neue Chancen ebenso wie neue Spannungen erzeugten. Liberalismus wurde so selbst zum Gegenstand von Transformation und musste auf die Folgen seines eigenen Erfolgs reagieren.

Liberalismus als Transformationsprozess: Ideen erzeugen gesellschaftliche Dynamiken, die wiederum Rückwirkungen auf die liberale Ordnung haben.

 

Liberalismus im Wandel: Übertreibung, Gegenbewegung, Korrektur

Klein beschreibt Liberalismus als dialektischen Prozess. Die Öffnung von Märkten und die Industrialisierung erzeugten Wohlstand, aber auch soziale Verwerfungen. Daraus erwuchsen Gegenbewegungen wie Sozialismus und Kommunismus. Die Antwort des Liberalismus auf eigene Übersteuerungen war jedoch nicht der Rückzug des Staates, sondern seine Neuverortung.

 

Im sogenannten Neoliberalismus – etwa in der Sozialen Marktwirtschaft – übernimmt der Staat die Rolle des Rahmengebers und Schiedsrichters. Er soll Wettbewerb ermöglichen und Machtkonzentrationen begrenzen, ohne selbst zum Marktakteur zu werden. Diese Unterscheidung ist für Klein zentral, da sie Liberalismus sowohl vom Laissez-faire als auch von planwirtschaftlichen Modellen abgrenzt.

 

Gegenwart: Neue Abhängigkeiten, alte Versuchungen

In der Gegenwart sieht Klein den Liberalismus erneut unter Druck. Digitale Plattformen bündeln wirtschaftliche und informationelle Macht in bislang unbekanntem Ausmaß. Europa reagiere darauf häufig mit umfassender Regulierung, oft technokratisch und bürokratisch. Aus liberaler Perspektive greife dies zu kurz, da es Innovation hemmen könne, ohne Abhängigkeiten nachhaltig zu reduzieren.

 

Gleichzeitig prägen Zukunfts- und Abstiegsängste die politische Kultur: Pandemie, Klimawandel, Migration und geopolitische Unsicherheit verschieben gesellschaftliche Prioritäten. Sicherheit gewinnt gegenüber Freiheit an Gewicht. In diesem Umfeld wachsen autoritäre Sehnsüchte und populistische Vereinfachungen – Entwicklungen, die im Spannungsverhältnis zu liberal-demokratischen Prinzipien stehen.

 

Erosion liberaler Spielregeln

Besonders kritisch bewertet Klein die schleichende Erosion demokratischer Selbstverständlichkeiten. Sinkende Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols, aggressive Protestformen, Einschüchterung politisch Engagierter und eine enthemmte digitale Kommunikationskultur untergraben die Grundlagen pluralistischer Gesellschaften. Transformation vollzieht sich hier nicht durch formale Systembrüche, sondern durch den Verlust gemeinsamer Regeln des politischen Streits.

 

Selbsttransformation als gesellschaftliche Aufgabe

Vor diesem Hintergrund verlagerte Klein den Fokus von Programmen und Institutionen auf die Frage der Trägerschaft. Liberalismus ist keine selbsttragende Struktur, sondern eine politische Praxis. Wie Demokratie Demokraten braucht, so braucht Liberalismus Liberale, also Menschen, die Verantwortung übernehmen, Konflikte aushalten und Freiheit aktiv verteidigen.

 

 

Sein Schluss war zugleich nüchtern und normativ: Solide Staatsfinanzen, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, ein funktionierender Staat und der Schutz individueller Freiheit sind keine technischen Details, sondern Voraussetzungen gesellschaftlicher Zukunftsfähigkeit. Transformation bedeutet daher nicht die Abkehr vom Liberalismus, sondern seine bewusste Weiterentwicklung unter veränderten Bedingungen.

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