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Inflation – Fluch und Segen für das Geld?

Ein Blogbeitrag von Katja Leimeister

über den Vortrag von Prof. Dr. Erich Ruppert in der Ringvorlesung Geld und Wettbewerb vom 8. November 2021 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Inflation in Deutschland ist mit gut 4 % aktuell so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr. In der Ringvorlesung wurde daher die Frage aufgeworfen, wer die Treiber der Inflation sind und inwieweit die gegenwärtig hohen Raten für Verbraucher und Produzenten schädlich sind. Die Probleme der Inflation hängen eng mit den Funktionen des Geldes zusammen. Diese sind:

 

Tauschmittel – statt Ware gegen Ware kann mit Geld schneller und flexibler getauscht werden;

Recheneinheit – statt Umrechnung von Dingen mit hohem Wert in Dinge mit geringem Wert ist das Ausdrücken in Geldeinheiten einfacher. Oder können Sie sagen, wieviel die Villa in der bevorzugten Wohnlage in Eiern wert ist? Und wie verändert sich die Zahl, wenn es Bio-Eier sind?

Wertaufbewahrung – Geld, das nicht für Konsum oder Investition ausgegeben wird, kann werterhaltend aufbewahrt werden, um zukünftigen Konsum oder Investitionen zu ermöglichen. Ist der Wert des Geldes stabil, wenn also keine Inflation herrscht, ist es einfach: Vom Betrag X kann man sich immer die gleiche Menge Waren kaufen. Heute, morgen und auch in Zukunft. Das Geld behält seinen Wert, es muss nicht ständig neu gerechnet werden. Bekommt man eine Gehaltserhöhung, kann man sich freuen, denn man kann sich mehr leisten. Und wenn einzelne Preise steigen, zum Beispiel in der Mobilität, weil CO2 bepreist wird und die fossilen Rohstoffe knapper werden, ist der Verbraucher in der Lage, das nachzuvollziehen und kann Prioritäten im Konsum setzen. Kommt Inflation ins Spiel, werden die oben genannten Funktionen gestört.

 

Moderate Inflation in Deutschland

 

Hyperinflation ist was Grausiges. Deutschland ist ein gebranntes Kind. Die Hyperinflation von 1923 hatte das Geldvermögen vieler Menschen vernichtet, das Land destabilisiert und unter anderem dem Dritten Reich den Weg bereitet. Vielen Menschen steckten die Erfahrungen der Nachkriegszeit noch in den Köpfen: Menschen mit Geldvermögen waren über Nacht verarmt, während Menschen mit Land und Immobilien ihre Werte durch die Krise brachten und diese – aufgrund der Flucht in Sachwerte – oft sogar im Wert noch gestiegen waren. Entsprechend wurde, um diesen unerwünschten Umverteilungseffekt zu unterbinden, die Geldpolitik in der Bundesrepublik Deutschland von Beginn an auf niedrige Inflationsraten ausgelegt. Auch wenn in den 70iger Jahren teilweise Inflationsraten von 7 oder 8 Prozent (die vorwiegend von der Ölkrise herrührten) zu verzeichnen waren, seit den 90iger Jahren dümpelte die Inflationsrate irgendwo rund um 2 % pro Jahr. Bis vor Kurzem: Aktuell liegt sie über 4 %. Und schon spukt die Angst vor (Hyper-)Inflation in den Köpfen der Deutschen umher. 

 

Und was genau ist Hyperinflation?

In der Regel spricht man von Hyperinflation, wenn die Geldentwertung bei mehr als 50 % im Monat und entsprechend 13.000 % im Jahr liegt. Ein Beispiel: Für ein Brot, das im Januar noch 4 Euro gekostet hat, müssten Sie im Februar schon mindestens 6 Euro auf den Tisch legen und im März 9 Euro. Nach einem Jahr kostet so das Brot dann schon viele Hundert, vielleicht sogar Tausend oder noch mehr Euro. Das lässt die sogenannten Menükosten steigen: Anpassungen von Preislisten und das Durchführen von Preisverhandlungen mit Lieferanten etc. müssen deutlich häufiger passieren. Wenn Hyperinflation eintritt, gibt es oft nur eine Lösung: eine Währungsreform. Statt Taler gibt es dann Gulden, statt Pesos Quetzales usw.… Nach dem Motto: Gib dem Kind einen neuen Namen, denn die alte Währung hat jedes Vertrauen verspielt. Und damit das Problem nicht sofort wieder eintritt, wird die neue Währung beispielsweise mit einem festen Wechselkurs an eine Leitwährung gekoppelt, z. B. dem US-Dollar. So geschehen 1990 in Argentinien.

 

Wie entsteht Inflation eigentlich?

Inflation bildet die Wertentwicklung des sogenannten Warenkorbs ab. Dinge, die üblicherweise – auch nur anteilig – jeden Monat in den Haushalten gekauft werden (Lebensmittel, Strom, Gas, Benzin, Kleidung, Elektronik, Möbel, Mieten etc.) gehen in den Verbraucherpreisindex ein. Werden diese Produkte für den Verbraucher teurer, liegt Inflation vor. Die wichtigsten Treiber und Ursachen, dass Produkte teurer werden können sein:

 

Die zugekauften Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sind teurer, sprich knapper geworden. Ein Beispiel aus dem Lebensmittelbereich: Missernten von Bourbon-Vanille in Madagaskar, der weltweit größte Produzent, sowie ein Anstieg der Nachfrage nach Vanille als Trendzutat führten dazu, dass ein Kilo Vanille vor wenigen Jahren rund 30 Euro kostete während der Preis heute bei etwa 500 Euro liegt. Der höhere Einkaufspreis wird dann auf alle Produkte, die Vanille enthalten bspw. Vanilleeis, Vanillejoghurt, Vanillekipferln, etc. umgelegt. Aber auch in der Getreideproduktion im In- und Ausland gab es in den letzten Jahren Missernten vorwiegend aufgrund von Dürren, so dass Brot, Nudeln und Co. als Dinge des täglichen Bedarfs einfach teurer werden mussten.

 

Der gleiche Effekt tritt ein, wenn Lieferketten gestört sind: Man denke an die durch Lock-Downs ausgefallenen Produktionen ebenso wie an die Blockade des Suez Kanals Anfang im Sommer dieses Jahres durch die Ever Given oder die aktuelle Energiekrise in China, die die Just-in-Time-Auslieferung von elektronischen Bauteilen u.v.m. verhindert.

 

Die Lohnkosten im In- und Ausland sind gestiegen. Setzen die Mitarbeiter höhere Löhne durch, steigen die Preise für die Endprodukte. Werden Produkte zum Beispiel nach Fair-Trade-Grundsätzen im Ausland produziert, ist klar, dass dort produzierte Waren wie Kleidung, Lebensmittel oder Elektronikbauteile auch teurer werden, denn die sozialen Standards und Löhne steigen und verursachen im Betrieb höhere Kosten.

 

Auch höhere Steuern und Abgaben machen sich in der Inflationsrate bemerkbar: Egal, ob der Staat die allgemeinen Unternehmenssteuern oder Steuern auf Verbrauchsgüter erhöht -  die Preise von Produkten steigen dadurch. Braucht der Staat also Geld und erhöht die Steuern oder führt (als Lenkungskomponente) neue ein (z.B. die CO2-Bepreisung gibt es erst seit 2021 und soll in den kommenden Jahren bis 2025 von 25 Euro je Tonne auf 55 Euro je Tonne CO2 steigen), werden auch die Verbraucherpreise diese Entwicklung abbilden.

 

Ein sich verstärkender Effekt – Die Lohn-/Preisspirale

Wird eine höhere Inflation in der Mehrheit der Gesellschaft erwartet, werden die Gewerkschaften sich für deutlich höhere Löhne für ihre Mitglieder einsetzen. Statt einer moderaten Gehaltsforderung von beispielsweise 3 Prozent (wo man sich dann vielleicht bei 2 % mit dem Tarifpartner einigt, um die bisherige Inflation von rund 2 % auszugleichen), stehen dann schnell mal auch 6 oder 7 % Gehaltserhöhungen im Raum. Einigt man sich dann auf beispielsweise 5 % Erhöhung, wird das zum einen auf die Preise umgelegt. Liegt die Inflation dann aber doch höher als 5%, lernen die Erwerbstätigen, dass sie verloren haben (die Lohnerhöhung gleicht die Inflation nicht aus, die Kaufkraft sinkt) und sie gehen in die kommende Tarifrunde mit noch höheren Forderungen rein. Die Inflation schaukelt sich hoch, man spricht dann von einer Lohn-/Preisspirale. An diesem Beispiel wird deutlich, wie stark die tatsächliche Inflation auch von den Erwartungen der Menschen abhängt.

 

Inflation und Staat

Inflation ist für Schuldner gar nicht unattraktiv. Die nominale Schuld wird real betrachtet kleiner, wenn die Inflation steigt. Und wer ist der größte Schuldner? Der Staat. Wer Bundesanleihen hält, dem Staat also Kredit gibt, hat seit einiger Zeit Pech: Die Realverzinsung ist negativ, sprich der Staat zahlt zu wenig Zinsen, um die Inflationsrate auszugleichen. Den Gewinn macht der Staat. Insofern liegt Inflation durchaus im Interesse von Staaten, die verschuldet sind (also von allen Staaten!). Auch hier kamen die Deals (Käufe der Bundesanleihen) im Grunde nur zustande, weil die Käufer bei Abschluss die Inflation zu gering eingeschätzt haben. 

 

Da im Grunde alle Staaten als massive Schuldner von Inflation profitieren können, liegt die Steuerung der Geldpolitik auch nicht in Händen des Staates. Die Zentralbanken sind in allen erfolgreichen Volkswirtschaften unabhängig von Regierungsentscheidungen, Interessengruppen und anderen Organisationen. Alle diese Zentralbanken streben moderate, stabile Inflationsraten an. Gleichwohl kollidieren weitere Aufgaben der Zentralbanken mit der Stabilisierung der Preise, zum Beispiel, wenn sie insolvenzbedrohte Staaten retten müssen (z. B. Griechenland, Italien, Spanien). 

 

Also null Prozent Inflation anstreben?

Klingt doch gut: Fürs Geld lässt sich immer das Gleiche kaufen und die unerwünschte Umverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern (je nachdem, wer besser geschätzt hat) bleibt aus. Aber nein, gar keine Inflation oder noch schlimmer Deflation (=negative Inflation) schwächt die Wirtschaft. Mit null Prozent Inflation werden notwendige Investitionen und Konsumausgaben tendenziell eher geschoben. Da steht dann die Frage im Fokus: Brauche ich das schon heute oder reicht die Anschaffung auch morgen noch? Für das Ankurbeln der Konjunktur ist eine moderate Inflationsaussicht also durchaus positiv zu bewerten. Wenn sie allerdings zu hoch wird, drohen Hamsterkäufe, Kapitalflucht und Flucht in Sachwerte.

 

Fazit: Eine moderate, stabile Inflationsrate hat viele Vorteile. Sie ist also mehr Segen als Fluch für die Gesellschaft. Aufgabe von Tarifparteien, Staat und vor allem der Zentralbanken ist, eine Politik zu betreiben, die keine unnötigen internen Einflüsse auf das Preisniveau schafft. Externe Einflüsse, wie Pandemie, Energiekrise, Klimakatastrophen, aber auch Lieferketten mit Drittstaaten können nur teilweise durch Entscheidungen der Zentralbanken und Regierungen kompensiert werden und werden sich somit immer – mal mehr mal weniger – auf das allgemeine Preisniveau niederschlagen. Die aktuelle Lage ist nicht besorgniserregend, zumindest meint dies EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Es gibt gute Gründe, ihr zu glauben.

 

 

Unterlagen zur Ringvorlesung

Die Vortragsschaubilder aller Referent/innen werden jeweils im Nachgang der Veranstaltung auf der Lernplattform von mainproject (https://mainproject.moodle-kurse.de) bzw. für Studierende der TH im Hochschul-Moodle zum Download bereitgestellt. Der Kurs heißt jeweils „RV Geld und Wettbewerb“. Eine Zusammenfassung der einzelnen Vorträge gibt es zudem jede Woche als Blogbeitrag unter https://www.mainproject.eu/blog/für-sie-besucht/.