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Digitaler Wandel als Sozialer Wandel

 Wie die Digitale Transformation der Arbeitswelt unser Zusammenleben verändert

 

Der Digitale Wandel entwickelt sich von einer technischen Frage hin zu einer umfassenden Herausforderung auf allen Ebenen betrieblichen Handelns. Diese Entwicklung greift eine öffentliche Ringvorlesung zum „Digitalen Wandel“ an der Technischen Hochschule Aschaffenburg auf, in der die verschiedensten betrieblichen Handlungsfelder sowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen diskutiert werden. Wie auch immer die Entwicklung im Einzelnen verläuft. Die stetig wachsenden digitalen Möglichkeiten werden die Arbeit von Mechanikern und Verwaltungsmitarbeiterinnen, von Servicetechnikern und Betreuerinnen, schlicht von uns allen stetig weiter verändern. Von der Transformation der Arbeitswelt ausgehend kann man sechs Dimensionen benennen, in denen der Digitale Wandel nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern unser alltägliches soziales Zusammenleben beeinflusst. Diese Veränderungen greifen als strukturelle Treiber tief in die private Lebensführung, ohne dass die Menschen darüber entscheiden können. Anders als bei Biotracking, Vermittlungsportalen, Gaming, etc. können wir uns diesen Dimensionen des Wandels nicht entziehen. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung von Politik und Sozialpartnern für eine menschenfreundliche Gestaltung der Rahmenbedingungen.

 

1. Bildung & Status

 

Die Triebkräfte der globalen technologischen Entwicklung werden zu Auf- und Abwertungen von Bildungsabschlüssen sowie zur Erschaffung und Auflösung von ganzen Berufen führen. Immer wiederkehrend werden betriebliche oder individuelle Maßnahmen der Fort- und Weiterbildung relevant. Für die einen ist es das Abenteuer eines lebenslangen Lernens, für die anderen wird es zu einer lebenslangen Defiziterfahrung. Für beide gilt, dass sie sich Bildung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Status, immer neu aneignen werden. Die Gestaltung von Arbeitsverträgen, Tarifabschlüssen und Strukturen des Sozialstaates muss zukünftig die Möglichkeit von Bildungszeiten erkennbar mehr berücksichtigen.

 

2. Arbeit & Einkommen

 

Wenn diese allgemeinen Entwicklungen, die individuellen Möglichkeiten des Arbeitseinkommens immer wieder aufbrechen und die Erwerbsbiographie von Bildungsanstrengungen durchsetzt ist, wird das die Notwendigkeit von Transfer-Zahlungen vergrößern. Hinzu kommt das neue Prekariat der sog. Klick- und Crowdworker. Aktuell ist der Sozialstaat auf den Normalfall einer sozialversicherungspflichtigen Dauerbeschäftigung (bei gleichzeitiger Erwerbsenthaltsamkeit eines Familienangehörigen) ausgelegt. Individuelle Bildungskonten oder die Einführung eines (bedingten) Grundeinkommens weisen hier über diese etablierten Strukturen hinaus und gehen in die richtige Richtung.

 

3. Raum & Zeit

 

Arbeit über Zeitzonen hinweg sowie Arbeit auf Abruf bzw. nach aktueller Auftragslage strukturieren den Alltag neu. Hinzu kommt die schwierige Abgrenzung von „Arbeitszeit“, wenn man von Unterwegs die Mails checkt oder Anrufe tätigt. Eine Umfrage der KAB am Untermain ergab, dass die Hälfte aller Eltern ihre Arbeitszeit zu Gunsten der Erziehungsarbeit verkürzen würden. Das Freiwilligensurvey der Bundesregierung registriert eine Bereitschaft zum projektbezogenen Engagement, bei abnehmender Bereitschaft für Vorstandsfunktionen. Hier wird ein Mix aus Transfereinkommen (Erziehung, Pflege, Übungsleiter) und Infrastruktur (Kita, Tagespflege, Freiwilligenmanagement) notwendig sein, um eine „Caring Community“ als Pendant zur flexiblen Arbeitswelt zu entfalten.

 

4. Freiheit & Sicherheit

 

Die digitale Transparenz nimmt mit der Vernetzung aller Komponenten und Tätigkeiten deutlich zu. Zu allererst erhöht sich damit die Verantwortung von Unternehmen, weil sie Informationen über das Handeln ihrer Mitarbeiter erhalten, für die sie geradestehen müssen. Gleichwohl ergeben sich aus elektronischen Logbüchern, Fahrtenschreibern, Kommunikationsverläufen, etc. Datenspuren, die zumindest das Potential der lückenlosen Überwachung beinhalten. Entsprechend braucht es Regelungen für den unternehmensinternen Schutz digitaler Spuren. Darüber hinaus zeigt sich, dass in dynamischen Arbeitswelten sog. transformationale Führungsansätze hilfreich sind, mit denen die Eigenmotivation und das Selbstmanagement unterstützt werden.

 

5. Interaktion & Zusammenhalt

 

Die Anzahl von Mails, Posts sowie Dokumenten wächst stetig an und führt zu einer Informationsflut, die an die Grenzen menschlicher Bewältigungsfähigkeit gelangen. Technisch verstärkt können wir uns mehr Menschen gleichzeitig mitteilen, die Aufnahmefähigkeit von Informationen bleibt dagegen neuro-psychologisch begrenzt. Dies führt dazu, dass wir Informationen hoch selektiv wahrnehmen und uns in digital verstärkten Informationsblasen einrichten. Jenseits von Strukturen und Regeln brauchen wir deshalb eine Kultur der unabhängigen Medienvielfalt, in der ein respektvoller Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen einen reifen Platz hat.

 

6. Personalität & Identität

 

Eine Studie des Fraunhofer Instituts FIT stellt fest, dass ein Viertel der Arbeitnehmer unter erkennbarem „Digitalem Stress“ am Arbeitsplatz leidet. Faktoren wie digitale Überwachung, Unterbrechungsfrequenz von Arbeiten oder die schleichende Erweiterung von Aufgaben führen zu Belastungen, die in ihren Auswirkungen hoch bedeutsam sind. Die psychischen Krankheitsmarker von Betroffenen Personen liegen 25 % über dem einer Referenzgruppe. Entsprechend braucht es ein individuelles Belastungsmonitoring, kommunikative Kompetenzen in der Personalführung wie auch Kompetenzen im Selbstmanagement der Beschäftigten. Bedeutsam sind auch die Ausgleichsstrukturen jenseits der Arbeitswelt.

 

In diesen sechs Dimensionen wirkt die Digitale Transformation der Arbeitswelt erkennbar in unsere sozialen Lebensvollzüge hinein. Die digitale Welt provoziert darin gleichermaßen Chancen zur Verbesserung wie auch neue Probleme im Alltag der Menschen. In diesem Sinne ist der Digitale Wandel nicht Ursache für einen Sozialen Wandel; oder umgekehrt. Vielmehr ist beides ineinander verschränkt, wirkt auf sich selbst zurück, treibt sich an und stellt uns als Gesellschaft insgesamt in einen stetigen Prozess der Veränderung. Was wir feststellen können ist, dass dieser Wandel mit der Digitalisierung spezifische Formen annimmt, die wir nur unter der konzertierten Beteiligung verschiedenster Akteure im Interesse von Mensch, Wirtschaft und Wohlfahrt balanciert ausgestalten können.

 

Ein Beitrag von Joachim Schmitt.

 

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